Review Chris Kant “Zeitlos”

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Chris Kant! Der unverstandene Minnesänger der Melancholie. Ich spar mir jetzt unsere lange gemeinsame Vorgeschichte und komm wieder zu dem einen Punkt: Chris arbeitet trotz vieler Misserfolge und Rückschläge hart an seiner Musik und hat es mit jedem Album geschafft sich ordentlich zu verbessern. Das erwarte ich auch von “Zeitlos”! Da ist aber noch eine Erwartung:
Ich hab den Vorgänger  “Meine letzte Stunde” auch schon ge-‘review’ed. Ein Fazit war die Hoffnung, dass gewisse Dämonen in dem Album verarbeitet und ad acta gelegt wurden. Für Chris` Seelenheil, aber auch für meine Erwartung an ein paar neuen Seiten an ihm, bin ich gespannt wie es darum steht.
Ein Blick aufs Cover, den Titel und die Analogie des “Zeit”-Motivs, lässt jedoch eher auf den letzten Teil einer Fortsetzung tippen…Oder nicht? Diese Punkte kreisen durch meinen Kopf, als ich zum ersten Mal auf Play drückte. Produzent ist wie beim Vorgänger hauptsächlich Duktus T, außer 3 Songs, in denen “Headnick” und die “Mutanten” (inkl. Duktus T) die Bässe steuern. Zur Abwechslung gibt es auch Rap Features…Bin gespannt. GO!

1. Intro
Los geht’s mit ‘nem bassgewaltigen Intro, dass dann sehr schön in den 2. Track des Albums und dem ersten richtigen Song übergeht.

2. Darf ich vorstellen
Was sofort auffällt: Fett produzierter Beat, pompös, fast Ami-mäßig! Gut gewählt für eine gewaltige Ansage. Kant selber entschied sich für den langsamen Style mit Flowvario, der eine gute Portion Arroganz vermittelt. Für Kant ein relativ typisches Intro: Der Einzelgänger der Gefühle bereitet sein Publikum auf das kommende Album vor. Er beichtet die Probleme, aber sieht Fortschritte a la “mal sehen was kommt”.
“Dank der Mucke findest du ihn immer noch nicht in Todesanzeigen”
Sein Feature Eso, der die Hook übernimmt, haut gut rein, Stimme und Flow passen.  Leider ist es sehr schwer verständlich, selbst nach Dauerhören kann ich noch nicht wirklich sagen, was er da erzählt. Insgesamt aber sehr rund, der Beat ist der Brecher, Low Rider Stimmung, muss laut das Ding!

3. Der einzige Rapper (jetzt enrsthaft teil 2)
Die großen Ami-Beats gehen weiter. Beeindruckender Sythie, drückende Baseline, groß produziert. Chris probt wieder den Rundumschlag gegen Gegner und Zweifler, allein auf weiter Spur in seinem Anspruch von Realness, der trotzdem nicht gewürdigt wird. Der Titel in der Klammer verrät eine Fortsetzung: “Jetzt ernsthaft Teil 2” Fans kennen den Track vom letzten Album und ehrlich gesagt, klingt der jetzige wie eine fetter aufgelegte Version. Da ich den Track damals aber schon nicht so stark fand, wird man sich denken können, ob mich das erfreut hat. Die Flowvariationen haken hier und da etwas. Leider ist der ganze Inhalt auch eher konfus, eine richtige Aussage bleibt nicht. Gerade in der 3. Strophe ist der rote Faden vollends im Gesprächsstoff verschwunden. Leider ein etwas enttäuschender 2. Teil.

4. Ohne zu schlafen
Ein Beat vom besagten Headnick, witzigerweise ist Produzent Duktus T diesmal als Rap Feature vertreten, bin gespannt! Knallige Nummer wieder mal, mit ner schönen Percussion, gerade die Snare gefällt! Der Stimmeneinsatz ist gut! Chris erzählt wieder von dieser gewissen Leere und unerfüllten Zielen, bzw. dem Zweifel, ob das was man geschafft hat auch das ist, was man wollte. Sagt auch die Hook: Es ist einfach zu viel, was da Tag täglich auf einen zukommt! Das alte Problem der Hydra, für jedes gelöste Problem kommen 2 neue dazu. Duktus T kommt mit guter Stimmung, Druck und Flow passen.
“Auf dem Weg zu dem Ich, dass ich sein will, ist mein Ego das wichtigste Feindbild”
Sehr schöner Break vor der 3. Strophe. Leider ist die auch wieder etwas konfuser und man kann manchmal schwerer den Sprüngen folgen. Insgesamt aber ein schöner Song!
“ich arbeite für meine Träume ohne zu schlafen, doch wie kann man überhaupt noch träumen ohne den schlaf”

5. schöner tag
Oh man, Loveparade feeling, gesungene Hook mit Ohrwurmcharakter und der Beat, entschuldigung ich wiederhole mich, ballert rein! Sehr moderner und poppiger Style! Synthie und Bass sind aber genial. Für Kenner des letzten Albums: Das ist für mich “Nur Musik” Teil 2! Chris über die Motivation; und überraschender weise, cooler Weise, läuft mal alles gut! Er schreibt übers schreiben! Ich mag den Track, wirklich!
“sitze monatelang an einem track und öffne mich bis mich keiner erkennt”
Schöne Bridge vorm letzten Reff, richtige Länge. Sehr gelungen. Sehe schon das Video, unbedingt ran da. Viel mehr gibt’s nicht zu sagen.

06 diese droge
Fängt schon mal gut an und Oh man haut der Beat rein, sehr West-Coast, der Kopf nickt bis zum Bauchnabel und das automatisch! Kant hier mal im Prollmodus und das haut gut rein, arroganter Style, auch die Hook ist echt gut geworden! Eso klingt auch sauber, gerade die Stimmensteigerung plus Dr. Dre Synthie kommen sehr fett, aber auf den Beat müsste man schon ordentlich verkacken. Danke Duktus T! 3. Strophe wieder nachdenklicher, nicht mehr ganz so souverän wie die 1., hätte gern nochmal so nen Brecher gehabt.
“So lang aus meinem kranken Hirn noch Zeilen entspringen, kämpft die Sucht gegen den Willen aber keiner gewinnt”

07 stampf
Sehr gelungen, in allen Facetten. Erwartet keinen Inhalt mit großen Themen, Name ist Programm, hier wird gestampft! Ein Elefanten treibender Beat auf dem Chris sich mit den Mutanten austoben kann. Alles kommt rund, darauf muss ein Video, das Ding ist so komplett rausbring tauglich. 1. Featurepart steigt gut rein
“steck dir deine mucke in das Körperteil Arsch”
Direkt 2. Feature ohne Hook dazwischen. Stimmlich cool, nicht unbedingt voller Finesse aber macht einen guten Part! Direkt danach Kant auch fett, die Stimme ist hier sehr passend.
“komm mit den Mutanten rum denn nur so geht die Party derbe ab, wir tanzen rum”
Zum Ende noch mal der Höhepunkt. Live-Track par excellence. Thumbs up!

08 das gefühl
Persönliche Erzählung eines Menschen, der was vermisst! Kann man auf vieles münzen, auf sein Hobbys, Job, Frau, Dinge, die man früher hatte und erst zu schätzen weiß, wenn man sie verloren hat. Das Gefühl eben! Beat mit schönen Steichern sehr melodisch, schlägt dadurch etwas aus der Art, was schön ist. Duktus verewigt sich sauber. Sonst Gut durch erzählt, es fehlen vielleicht noch ein paar knackige, griffige Aussagen, um der Story mehr Spannung und Haltepunkte zu geben, etwas persönlicheres.

09 interlud
Ist ganz schön, wird aber zum Skip-Track und hätte eigentlich eher zwischen “Stampf” und “Das Gefühl” gepasst, als schräger Downer. Aber gut, irgendwie drunken style Klavier ohne Rap, geht dann über in den nächsten Track

10 in meinen augen
Sehr depressiv, alleine und unverstanden bleibt als Hauptthema hängen. Nach “Das Gefühl” fast etwas zu viel!  Fast selbstmörderische Verzweiflung der aber einfach der gewisser Kick fehlt. Die Hook ist ein bisschen komisch geraten, die Wortwiederholung hätte einen Effekt vertragen. Sonst ist der Beat wieder sehr schön und auch sehr melodisch, erinnert mich von der Art, der Lethargie und Aphatihe zu sehr an das vorherige Album.

11 denkerrappermensch
Toptrack! Waberndes Instrumental, schöner Stereoeffekt, wieder absolut nach vorne, die Baselines sind super geil. Man ist bei der Hook sofort im Thema, die übernimmt Duktus T, der wieder gut dabei ist, als Bauer und Hauer. Bei Chris ist “stell dir mal vor” das Mantra und er geht Vergangenheit und Persönliches durch, Dinge, die ihn geprägt haben.
“Stell dir mal vor, ein guter Freund hätt’ nicht gesagt, solche depressiven Themen fühlen die Menschen noch nach Jahren”
Mehr Erklärung braucht’s nicht für das Kantsche Universum. Sehr schön. Guter Einblick in sein Leben, guter Flow, sehr rund, schöne Aussagen, die auch alle anderen nachvollziehen können…Bester Track, hätte auch der Albumtitel sein können!

12 mandyline
Wirklich schöne Streicher, klimperndes Piano. Kant nachdenlich, sehr poppiger aber schöner Beat! Hier läuft die Geschichte über eine Liebe von Weitem. Der Mensch, der sieht,  sich aber nie traut das anzusprechen, was ihn eigentlich glücklich machen würde. Als sich die Chance dann ergibt…ja…hört selbst, nettes Ding. Traurige Grundstimmung, die man haben muss, um den Track genießen zu können ist aber mitzubringen. Frauen stehen bestimmt drauf. Zwischendurch dachte ich bei dem Beat auch, Montel Jordan kommt gleich durch die Tür. Die Hook ist schön gemacht, wirklich, da hat sich Chris allgemein echt gesteigert. Der Track selber wird mit jedem mal besser, wie eigentlich alle, aber dazu nachher mehr.

13 blick auf die straße
Der Beat ist nicht nicht unbedingt rausstechend, was bei der Auswahl an Krachern aber auch nicht leicht ist. Immer noch aber echt ok! Sehr chillig gehalten, mit verträumten Erzählungen. Man sieht die Lichter im Regenwasser blitzen, Kragen tief ins Gesicht und durch die Straßen ziehen. Duktus wieder dabei mit guter Erzählweise. Auch wenn das “Träume” n bissel gezogen ist, find ich die Hook schön…2 Strophen, fertig, passt genau so! Ein guter Nebenbei-Song, der Platz für eigene Gedanken lässt.

14 entschuldigung
Es geht los, man merkt, da fällt einem etwas sehr schwer. Instrumental passt, sehr düster,genau so wie Kants Einstieg. Fast beschwörerisch zieht er das Titelthema durch. Das Instrumental steigert sich immer weiter, neue Nuancen schmücken den Hintergrund immer mehr aus und Chris nimmt jede Stimmung gut mit. Worum geht’s? Eine Streitigkeit, etwas Furchtbares, einen Fehler, etwas Alltägliches. Ab 2:58 knallen einem dann Beat und Snare ins Gesicht und der Aufbau wird immer komplexer. Kant schreibt sich wie im Fieber die Schuld von der Seele, Schuld die er jetzt erst eingesteht. Immer weiter, keine Hook…und zu Ende…nur man selbst bleibt übrig und sucht sich in den gehörten Zeilen. Schönes Ding, aber auch harter Tobak!

15 und sonst
Yeah Spacy Beat genau im Trend, gut gerochen die Welle! ein bissel Grimig, Dubbig, trotzdem knallhart Rap. Kant spittet aller uswusv (kennt man vom Vorgängerablum ) einfach mal noch ein paar Gedanken ab. Die Hook is ok, aber irgendwie auf Dauer ein bisschen anstrengend – muss ich leider sagen. Featurepart ist Wes Miagie, englisch und auch schön flowig. Insgesamt alles gut geworden, aber irgendwie hätte ich auf so einen Beat eine kranke Story erhofft mit ein paar mehr wirren Gedanken! Auch im Hinblick auf die Inhaltsvielfalt. Leider etwas verschenkt. Als Ende aber interessant, weil es für Kant doch ein relativ untypisches Thema ist.

Fazit
Das schwerste zum Schluss. Erstmal klar raus, Chris HAT sich wieder gebessert und das in mehreren Richtungen. An Stimme und Einsatz kann man inzwischen ja nichts mehr finden, auch wenn ganz raffinierte Flows ausfallen. Die Reimart ist bekannt und Kant, wie man es von ihm erwartet, der Stil ist geprägt. Die Hooks sind echt besser geworden und auf nem guten Niveau, auch von der Variation her richtig geile Dinger dabei. Die Themenvielfalt hat sich gesteigert aber da ist ein Knackpunkt: Das Main-Theme von Kant sind und bleiben die nachdenklicheren und depressiveren Themen. Warum erklärt er bei “Denkerrappermensch”, ich zitier die Zeile auch. Auch die Wut der Unverstandenheit ist immer noch da! Diese Felder hat er aber schon so weit abgegrast, dass es teilweise zu ähnlich klingt. Vielleicht verliert sich auch deshalb manchmal hier und da der rote Faden. Mal kommt man super hinterher, manchmal waren die Sprünge zu schnell. Eigentlich bemängle ich das aber hauptsächlich nur bei 2 Tracks, “der einzige Rapper” und “in meinen Augen”. Die anderen Tracks zeigen, dass es besser geht. Mehr noch. “Denkerrappermensch”, “Stampf”, “Entschuldigung”, “Diese Droge” z.B. haben ne super Linie, Struktur und Ideenvielfalt und passen klasse zu Chris. Der Rest natürlich auch, aber er kann ruhig mehr probieren. Manchmal fehlen auch die Zeilen, die sofort im Kopf bleiben, die Lacher, Die “Genausoisses”, die “Ohmandasstimmtkrasswieehrlicherists”! Emotionalität als Mantra ist gut, aber sie hat so viele Facetten, mit denen man spielen kann, nicht nur traurige! Manchmal denkt man, jetzt könnte er es mir auch ein bisschen leichter machen, aber vielleicht ist das auch gut, mich hat es dazu gebracht, so lange zu repeaten, bis ich ihn verstanden habe… Die nötige Gabe und Kreativität sind unbestritten, ich will aber noch mehr davon…
Was die Produktion angeht, kann man nur Respekt zollen. Die Beats sind toll gemacht, Duktus hat abwechslungsreiche Meisterwerke geschaffen und wird hoffentlich noch von sich hören lassen. Die Zeit für die Arangements und die Anpassung von Beat an Text haben sich gelohnt. Mix und Master machen den Hörgenuss perfekt, alles klatscht, die Stimmen kommen fett, die Übergänge sind gut, wahnsinnig gelungen.
Alle Meckereien sind meine Meinung, bei der Kritik und dem Positiven ist aber ein Fazit zu ziehen: Kant, ihr seid im Mainstream-Fähigen angekommen. Vermarkte die Scheiße so gut es geht, mit Videos, dann ist der Weg geebnet für ne sehr gute Chance, sich wenigstens mal auf dem Schirm der Rapwelt zu platzieren. Einiges hat echt Potential. Mach was draus. Und ach ja, noch der Blick nach vorn. Die nächste Platte wird geil, das weiß ich, bin aber trotzdem gespannt, was man noch neues von Dir erfahren kann – Übertriff dich selbst 😉

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